   |
ich möchte diesen Text weniger als Selbstpräsentation verstanden wissen, sondern vielmehr als Anregung, seine Träume zu leben. Ich habe (oder hatte zumindest bis vor kurzem) nicht mehr Segelerfahrung oder Geld als die meisten von ihnen, wahrscheinlich im Gegenteil - und auch nicht weniger Angst! Ich habe dies alles nicht geplant, sondern es hat sich so ergeben, und zwar so:
Als Jugendliche bin ich Jollen auf dem Zwischenahner Meer gesegelt - danach lange Zeit gar nicht. Während einer Rucksackreise durch das süd- und östliche Afrika habe ich festgestellt, dass es gar nicht schwer ist, als Hand-gegen-Koje-Crew anzuheuern (in diesem Fall von Tansania nach Madagaskar), wenn man zur rechten Zeit am rechten Ort ist (naja, eigentlich wollte ich ja nach Indien...). Da ich gerne Reise, aus ökologischen Gründen aber möglichst wenig fliegen will, tat sich hier eine gute Alternative auf. Meine nächste Reise sollte mir einen alten Traum erfüllen, eine Atlantiküberquerung. Über das Internet nehme ich Kontakt mit James aus Australien auf, der "Kaama", eine 10m Wauquiez, für einen Freund nach Neuseeland überführen will. Wir verabreden ein Testsegeln im Juli 2007 in Griechenland - ein gutes halbes Jahr später erreichen wir (über Italien, Spanien, Marokko, die Kanaren und die Kapverden) die Karibik. Nach einer Reise mit dem Rucksack und öffentlichen Verkehrsmitteln von Venezuela nach Chile geht es im Juni 2008 zurück auf See. "Possibillities", ein Top Hat ist mit 25 Fuß kleiner als die Vega. Jamie (schon wieder ein Australier) ist auf dem Weg nach Hause (nach einer zehnjährigen Weltumseglung um die drei südlichen Kaps). Über die Oster- und diverse weitere Inseln gelangen wir nach Tahiti. Hier treffe ich James wieder und gehe zurück an Bord von "Kaama" - geplant bis Neuseeland. Natürlich könnte ich einige Geschichten aus der Zeit auf diesen Booten erzählen. Von schlechtem Wetter, Flauten und perfekte Segeltage, von interessanten Begegnungen, Gastfreundschaft und den Tücken des Zusammenlebens auf engstem Raum, von Traumstränden, Hafenstädten und der Intensität jedes Ortes nach längerer Zeit auf See. Ich habe viel gelernt, vor allem, dass es immer irgendwie weitergeht. Frei nach dem Motto "Wenn andere das können, kann ich das auch", fing ich langsam an, ernsthaft von einem eigenen Boot zu träumen. Vielleicht ein Schnäppchen in Neuseeland...
Und dann war da dieser Aushang, in Tonga, "Vega zu verkaufen". Zu diesem Zeitpunkt weiß ich weder, was eine Vega ist, noch, ob ich wirklich ein Boot haben will. Aber mal gucken, schadet ja nichts... Wenig später ist klar: wenn ein Boot, dann dieses. Eine gut handhabbare Größe für mich, genug Platz (wenn man nur einen Rucksack hat sogar unglaublich viel), hochseetauglich und potenziell wiederverkaufbar (man weiß ja nie). Fünf Tage später bin ich stolze Besitzerin von "Hunk" (frei ins Deutsche übersetzt "Geiler Typ" - und Namensänderungen bringen ja leider Unglück!). Nun ist Tonga weder ein Ort, an dem man eine Bootgutachter findet, noch an dem man große Reparaturen durchführen kann. Aber die bisherigen Besitzer, Jesper und Peter haben das Boot von Schweden nach Tonga gesegelt, also, ist ja logisch, wird es auch weitersegeln. Und zwar BALD, mit der im November beginnenden Wirbelsturmsaison vor der Tür. Angesichts der Aussicht auf die Soloüberfahrt nach Neuseeland ist mir, milde ausgedrückt, mulmig zu mute. Zumal die Strecke für schlechtes Wetter bekannt ist.
Nach einem Monat Inselhüpfen vom Norden in den Süden Tongas sind die wichtigsten Veränderungen erledigt: Reffleinen angebracht, ein leichterer Anker aufgetrieben, Autopilot repariert, Cockpitboden verankert... Selbst den Motor (einen 15 PS Außenborder) kann ich starten, seit ich eine Verlängerungsschnur zum Anreißen angebracht habe. Vor lauter Nervosität kann ich Land und Leute leider kaum genießen. Aber ich gewöhne mich langsam an das Boot. Zusammen mit "Kaama" und einer guten Wettervorhersage starte ich schließlich die Überfahrt. Dank leichter Winde und flacher See kann ich mit dem größeren Boot mithalten. Der Wind frischt auf, aber 20 - 25 Knoten von hinten sind willkommen, dazu Sonnenschein. Ein paar Tage schaffe ich einen stolzen Schnitt von 5 - 6 Knoten. Allerdings ist die Wettervorhersagen die James über HF bekommt und per VHF an mich weitergibt (ich habe keine Fern-Kommunikationsmöglichkeiten) eher beunruhigend. Doch dann passiert uns die befürchtete Front fast unbemerkt. In der darauffolgenden Flaute verliere ich den Funkkontakt zu James, der fröhlich drauf los motort. Als mich, dahindümpelnd, ein paar Tage später eine Yacht überholt (schon komisch, so Mitten im Nirgendwo), ergattere ich eine neue Vorhersage: kein Wind. Aber, von wegen! Noch während wir die Übergabe von 20 Liter Benzin organisieren, frischt der Wind auf. Die letzten Tage kreuze ich gegen 20-30 Knoten nach Opua. Aber bei recht flacher See ist mir das allemal lieber als Windstille.
In Opua, im Norden der Nordinsel Neuseelands, angekommen dauert es ein paar Tage, bis ich wirklich da bin. Zu unwirklich erscheint alles... ich parke das Boot an einer Boje und nehme meinen Rucksack in die Hand, es ist Zeit fuer eine Bootspause: Ich bin viel rumgefahren (auf Nord- und Südinsel)und habe ein paar nette Wanderungen gemacht. Alles zu hektisch eigentlich. Die zwei Monate waren viel zu kurz um alles zu sehen. Fazit Neuseeland: Zur Nebensaison Auto kaufen und wild campen, dann kann man hier gut Urlaub machen. Und mindestens für ein paar Monate kommen. Und macht euch nichts vor: es ist schweinekalt. (Kurz vor Weihnachten, Sommer also, hatten wir - hurrah, heut' regnet's mal nicht! - Schnee auf knapp 1000m.) Die Leute sind sehr nett und nicht so grummelig wie zu Hause, aber kulturell betrachtet finde ich das ganze langweilig.
Die für Anfang Februar 2009 geplante Abfahrt aus Neuseeland verzögert sich dann noch etwas. So ist das halt mit Booten. Aus Mal-kurz-übers-Wochenende-aus-dem-Wasser-nehmen-und-streichen werden zehn Tage auf dem Trockenen, inklusive Muskelkater vom Schleifen und einer Osmosebehandlung. Der pragmatische Kiwi empfiehlt: Epoxy drüber, Farbe drauf, 5 Jahre Ruhe, no worries, noch ist kein Schiff wegen ein paar Blasen gesunken... Und dann ist natürlich das Wetter schlecht. Aber irgendwann ist die Vorhersage passabel, und wir fahren los, Hugo (aus Frankreich), Ben (aus den USA) und ich. Es funktioniert gut mit der Crew. Ich koche zwar immernoch am meisten, aber die anderen schnippeln fleißig, und Hugo steigt groß ins Brotbacken ein. Und ich habe das Sagen: kurze Nachtschichten, und es wird früh gerefft! Die ersten zehn Tage haben wir gutes Wetter, kein gemütliches Passatwindsegeln, aber gemischte, leichte Winde - wir brauchen ja nicht viel. Doch dann erwischt uns der obligatorische Sturm (angeblich kann man die Tasmanische See nicht ohne überqueren - warnte der pragmatische Kiwi, und drückte mir noch einen Autoreifen als Seeanker in die Hand).

Während die Crew schon anfangt zu murmeln, was es wohl mit dem Ruf der Tasmanischen See auf sich habe - ist doch wie auf'm Baggersee hier draußen - ziehen zunehmend Cirruswolken auf. Ich habe noch nie so einen zerrissenen Himmel gesehen, und das bedeutet: Wind, und zwar viel. Er lässt auch nicht lange auf sich warten, von Osten, dann auf Nord drehend, das ist erstmal gut (wenn man nach Westen will). Aber es bedeutet, dass das Tief aus dem Norden kommt - und Norden ist, wo die Wirbelstürme brüten, auch wenn die hier unten eigentlich nichts zu suchen haben. Dazu heftige Regengüsse und ein abstürzendes Barometer - ich habe Bammel, uns direkt in einen Zyklon zu manövrieren. Zu dritt können wir immerhin per Hand steuern, weniger Wasser im Cockpit und ein besserer Kurs (ha, immer voll rein ins Tief, dessen Zentrum sich nun westlich von uns befindet!). Als wir irgendwann in der zweiten Nacht nur noch unkontrolliert die Wellen runtersurfen und man vor lauter Regen eh nichts sieht (und selbst die männliche Crew zum Pinkeln die Toilette aufsucht), nehme ich die Segel runter (bei insgesamt einem viertel Quadratmeter Rollfock ist das nicht viel), mache alles dicht und wir legen uns schlafen. "Lying ahull", ist 'ne Sturmtaktik, hab ich mal gelesen... ICH hab jedenfalls keinen Bock mit Reifen oder Großsegeln da draußen rumzuhantieren, also versuchen wir's so. Gar nicht so unbequem, wie sich herausstellt. Nicht, dass ich schlafen würde, aber die Jungs. Meine Sorge gilt nicht dem Wetter, das wir haben, das ist machbar, sondern dem, das noch kommen kann... Ben dagegen, der vorher ein eigenes Boot hatte, ist nun viel relaxter, sagt er: Immerhin ist nicht er verantwortlich, wenn er stirbt, sondern ich. Na dann, gute Nacht!
Am nächsten Morgen (es ist natürlich keiner gestorben und die ganze Sorgerei war mal wieder für die Katz) setzt der Wind aus und dreht auf West. Endlich! Das ist zwar ungünstig (wenn man nach Westen will), aber das Tief ist durch! Die Sonne kommt raus und das Barometer steigt mit unserer Stimmung um die Wette. Denn noch wissen wir nicht, dass wir die nächsten zwei Tage in einer üblen Strömung festsitzen werden: Laut Kompass segeln wir nach Westen, aber das GPS zeigt Kurs Nord - oder Süd... Schließlich motoren wir durch die letzte Gewitterfront, rein ins schöne Wetter: Rückenwind begleitet uns bis nach Sydney. Ein paar Tage später bei Sonnenaufgang segeln wir rein, das hat was. Customs erledigen, Gemüse bei der Quarantäne abgeben. Vorbei am Opernhaus und unter der Harbour Bridge durch... und ich bin angekommen! Nach 1 3/4 Jahren habe ich das Ziel Australien erreicht - eine Woche bevor meine Einreisefrist für das Working-Holiday-Visum abläuft. Ich darf nun ein Jahr bleiben (und sogar arbeiten) - und das Boot auch. Die Zollbeamten hier haben einen seglerfeindlichen Ruf, in Wirklichkeit aber vor allem keinen Plan - und sie waren sogar ausgesprochen freundlich. Also haben sie gleich alles für ein Jahr abgestempelt. No worries, mate!
In der offiziellen internationalen Ankerbucht (für lau) gibt es einen Park und mit der Bahn sind's nur ein paar Stationen ins Zentrum, die Nachbarn sind freundlich. Jamie (Chile nach Tahiti) ankert nebenan. Ich bleibe fast zwei Monate, fummle ein bisschen am Boot rum oder verziehe mich ins Meditationszentrum in den Blue Mountains. Bis es zu kalt wird: Zeit, nach Norden zu segeln. Kim, eine neue Bekannte ist mit an Bord bis Coff's Harbour. Sie ist noch nie gesegelt und kämpft mit Seekrankheit. Aber Delfin-und Walsichtungen und magische Sonnenaufgänge entschädigen. Seglerisch sind hier die Sandbänke vor den Flussmündungen die Herausforderung. Auch mit Gezeiten schlage ich mich das erste mal herum. Aber ich nehme mir einfach Zeit, die geeigneten Bedingungen abzuwarten. Das Land scheint seglerfreundlich, oft kann man umsonst eine Boje über Nacht nehmen oder sogar an einem Steg festmachen. Und man bekommt eine ganz andere Seite Australiens zu sehen, Kleinstädte am Wasser.
In Coff's Harbour gehe ich das erste Mal in eine Marina. Ein schwerer Sturm ist angesagt und es gibt keine andere Ausweichmöglichkeit. Windstärken bis zu 70 Knoten und entsprechender Seegang zertrümmern den halben Yachthafen. Als kleines Boot erwische ich einen Liegeplatz direkt an der Mole - über die die Wellen auf mein Boot brechen. Nach durchwachter Nacht dreht sich im Morgengrauen mein Ponton um, ich kann mich nur noch losschneiden und schaffe es nach mehreren Anläufen eine intakte Marinabucht anzulaufen, wo jemand meine Schoten greifen kann - ich kann das Boot alleine nicht halten bei dem Wind. Während die Hafenverwaltung damit beschäftigt ist, die Verantwortung von sich zu weisen und die Situation zu analysieren, kann man auf die anderen Segler (viele wohnen dauerhaft an Bord) zählen: Die Hilfsbereitschaft, die mir hier wie auch sonst überall entgegengebracht wird, ist ueberwältigend. (Auch wenn sie mir manch anderes Mal, bevormundend, schon fast zu viel geworden ist, denn Frauen mit Booten werden leider oft nicht ernst genommen, oder erst, wenn sie 'ne Story von 'ner Einhandüberquerung raushauen.)
M ir scheint fast, ich schreibe nur von den dunklen Seiten des Segels, dabei überwiegen die schönen Momente bei weitem! Oberhalb von Fraser Island beginnt dann auch Segeln vom Feinsten: Strände, Inseln, Flussmündungen, alles ganz wenig entwickelt. Unerwartet vergehen zwei Wochen ohne Einkaufsmöglichkeiten. Viele australische Yachties sind auf dem Weg nach Norden, und so trifft man sich unterwegs immer wieder und es entwickeln sich Freundschaften. In Airlie Beach bleibe ich für ein paar Monate und finde Arbeit bei einem Segelmacher. Und werfe einen Blick auf die Whitsunday Islands, klar. Nun will ich bald weiter - bzw. erstmal zurück, nach Mackay, wo ich das Boot aus dem Wasser nehmen und eine Weile an Land gehen werde.
Wie zu Anfang gesagt: ich habe dies alles nicht geplant. Deshalb werden Sie hier auch vergeblich nach einer zukünftigen Reiseroute suchen - die kenne ich nicht. Im Moment denke ich, ich werde "Hunk" nach Europa segeln. Dann fragen die Leute oft, ob ich durch's Rote Meer will, wegen der Piraten und so... Keine Ahnung! Bei meinem bisherigen Tempo ist das noch ein paar Jahre hin. Vielleicht sinkt das Boot bis dahin oder ich verkaufe es, wer weiß. Asien ist angedacht für nächstes Jahr. Aber eins nach dem anderen. Erstmal bin ich hier.
Sonnige Grüße,
Julia Nachreiner
P.S. Bei Rückfragen kontaktieren Sie mich gerne unter: julia.nachreiner@gmx.de, Betreff: Segeln
November 2009
|